Mut zu Umwegen: Ruth Frenk im Gespräch mit Jugendlichen
Am 25. September 2026 war die Sängerin, Gesangspädagogin, Autorin und Zeitzeugin Ruth Frenk zu Gast an unserer Schule. Ruth Frenk erhielt im Jahr 2023 für ihr ehrenamtliches Engagement in Kultur und Politik das Bundesverdienstkreuz. In einer eindrucksvollen Lesung aus ihrer Biografie und im anschließenden Austausch mit unseren Klassen 10b und 10c nahm sie die Jugendlichen mit auf eine Reise durch die hellsten und dunkelsten Stunden des 20. Jahrhunderts.
Ausgehend von ihrer Familiengeschichte, den Verfolgungserfahrungen ihrer Eltern im von den Nationalsozialisten zerbombten Rotterdam und deren täglichen Überlebenskampf im Konzentrationslager Bergen-Belsen, spannte Ruth Frenk einen Bogen in die Gegenwart. Bilder zerstörter Städte, sagte sie, seien heute wieder erschreckend vertraut geworden. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine rufe Erinnerungen wach und mahne zu Wachsamkeit und Menschlichkeit.
Im Gespräch mit den Jugendlichen ging es um Fakten und Bilder vom Judentum sowie um das Hinterfragen von Klischees. Anhand sichtbarer Merkmale wie der Kippa oder der Schläfenlocken, den sogenannten Pejes, erklärte Frenk religiöse Traditionen und sprach offen über aktuelle Herausforderungen, etwa über die Problematik, in deutschen Großstädten sichtbar jüdische Zeichen zu tragen. Ebenso thematisierte sie Unterschiede zwischen Judentum und Christentum, von der Bestattungskultur bis zur Liturgie.
Ihr eigenes Bildungs- und Berufsleben stellte Ruth Frenk als ermutigendes Beispiel für Umwege und Neuanfänge vor. Nach dem Abitur in Rotterdam studierte sie zunächst Soziologie in Amsterdam und später Betriebswirtschaftslehre. Zugleich genoss sie die Aufbruchsstimmung der 1960er-Jahre. Sie sang in einem Chor, nahm Gesangsunterricht und engagierte sich in einer linken Gruppierung. Das Studium geriet dabei zeitweise in den Hintergrund. Drei Jahre in Genf beschrieb sie rückblickend als die „langweiligsten“ ihres Lebens. Die von ihr als zurückhaltend empfundene Art der Genferinnen und Genfer trug dazu bei.
Der Aufbruch nach New York wurde zum künstlerischen Wendepunkt. Dort schloss sie ihre Gesangsausbildung ab und sammelte prägende Erfahrungen im Jazz und im Modern Theater. Heute wohnt Ruth Frenk in Konstanz, nur etwa 100 Meter von der Schweizer Grenze entfernt. Diese Nähe empfindet sie als beruhigend. Zugleich steht sie sinnbildlich für ihre lebenslange Suche nach Sicherheit, Offenheit und Grenzüberschreitung im besten Sinne.
Die Botschaft an die Schülerinnen und Schüler war klar und zugewandt: Man kann auch ohne geradlinige akademische Laufbahn ankommen. Es lohnt sich, Mut zu haben, auch dann, wenn im Lebenslauf Lücken entstehen. „Nicht verzweifeln, wenn der erste Weg nicht gelingt!“, ermunterte sie die Jugendlichen. Die Bereitschaft, sich neu zu orientieren, dranzubleiben und den eigenen Weg zu finden, zeichnet die Biografie von Ruth Frenk aus.
Der Vormittag endete mit einem spürbaren Nachhall: Geschichte reicht in die Gegenwart, Vielfalt braucht Kenntnis statt Klischees, und Lebenswege sind so individuell wie die Menschen, die sie gehen.
Zum Abschluss schenkte Ruth Frenk der Mediathek unserer Schule ein Exemplar ihrer Biografie. Das Buch kann dort demnächst ausgeliehen werden.
Weitere Informationen über Ruth Frenk finden Sie auf ihrer Website: www.ruthfrenk.com .
